Stadionwurst – Die Kolumne der Filzfreunde im monatlichen Wechsel von Nina und Tobi (so war es jedenfalls mal angedacht...)

  

Februar 2016

Von Tobi

 

Lippe goes jeck

Verkehrte Welt: Acht Ostwestfalen machen sich auf zum Karneval nach Köln! Ob das gutgehen kann? Mit Alex haben wir zumindest EINE Skeptikerin an Bord. Doch der Auftakt gelingt reibungslos. Alle sind pünktlich am Bahnhof in Lage und schon wenig später erreichen wir rechtzeitig unseren Anschlusszug in Bielefeld. Die Organisation von Oberholzwurm Jan fluppt phantastisch! Wir sitzen zu acht nebeneinander an zwei Tischen, besser geht es nicht. Kathrin köpft die erste Pulle Sekt und so fließt der Beruhigungssaft auch bald in die karnevalsmuffelige Alex hinein. Nachdem sie uns allerdings an den Erlebnissen ihrer bislang einzigen Karnevalsfeier – an der B66 – teilhaben lässt und von einigen dafür unverständlicherweise dumme Sprüche kassiert, verstummt sie aus Protest für eine Weile wieder. Inzwischen haben alle Alkohol am Start, nur ich lebe noch abstinent. Ich weiß schließlich, was ich heute Abend noch vorhabe.

Jan Wiese beschallt derweil unser Abteil mit kölscher Musik. Doch noch bevor Nina durch das Loch in ihrer Reisetasche die Boxen herausfingern kann, erscheint eine grauhaarige Endsechzigerin und bittet um Ruhe. Ich danke ihr innerlich und lasse Milde walten, als Minuten später ihr Handy-Klingelton so markerschütternd losschrillt, dass der Lokführer beinahe das Steuer verreißt.

Es wird viel gelacht, noch mehr gegessen und natürlich wird auch wieder über Malte gesprochen, das Phantom, dessen Existenz ich in etwa für so wahrscheinlich halte wie die von kleinen grünen Männchen. Birte kämpft noch ein bisschen mit dem Trennungsschmerz, aber allen anderen geht es gut: Ich freue mich auf die Höhner, Nina freut sich, dass Jan dabei ist und Jan freut sich, dass Schlenz dabei ist. So rollen wir schließlich gut gelaunt in der Stadt mit K ein.

Und wie sollte es anders sein am Kölner Hauptbahnhof – wir sind umringt von einer Gruppe junger ausländischer Männer in bunten Trainingsanzügen: Peter Stöger aus Österreich, Dominic Maroh aus Slowenien, Dusan Svento aus der Slowakei und Anthony Modeste aus Frankreich bilden ein angemessenes Empfangskomitee und mein Herz geht auf! So kann ich auch zunächst entspannt darüber hinweg sehen, dass ich nur drei Minuten später den unfreundlichsten Menschen der Welt kennenlerne: Unseren Taxifahrer. Als Schlenz es jedoch wagt, die Van-Tür von innen schließen zu wollen, empfängt er einen Blick von dem Mann, dass auch ich zusammenzucke und innerlich am Text für Rouvens Traueranzeige bastele. Wenig später formuliere ich bereits meinen eigenen Nachruf, als wir mit sportlich defensiven 180 Stundenkilometern durch die Kölner Innenstadt brausen. Aber immerhin kann der Fahrer rechnen, wie sich am Ende der Fahrt herausstellen soll. Soll in Köln nicht jeder Taxifahrer können…

Während der kurzen Umziehpause im Motel One klopft Nina an unsere Tür. Als ich sie öffnen will, kommt Kathrin aus dem Bad und rammt mir die Lokustür ins Gesicht. Schuldbewusst verkrümelt sie sich wieder im Badezimmer, während ich benebelt die Tür öffne. Als ich Nina nach kurzer Diskussion einlasse und ins Zimmer zurückgehe, kommt Kathrin erneut aus dem Bad und knallt mir die Tür nochmals vor den Kopf. Wieso habe ich bloß auf den passenden Helm zu meinem Kostüm verzichtet? Kurz darauf sind wir aber startklar für das Abenteuer „Lippe goes jeck“: Schlenz als Römer ohne Schwert, Alex als Marienkäfer, Jan Wiese als Pirat, Nina als Flip der Grashüpfer, Kathrin als Polizistin, ich als Eishockey-Crack und Jan Holzkamp hat tatsächlich die weißen Stiefel wieder aus dem Schrank geholt und wartet als Duff Man auf den Abflug. Der Taxifahrer, der uns diesmal fährt, ist deutlich freundlicher als der vorherige. Ganz fassen kann er es jedoch nicht, dass wir für den kurzen Weg in die Malzmühle seine Dienste in Anspruch nehmen.

Dort angekommen treffen wir endlich auf Silvie, die heute als Else Kling loszieht, und schon gut gelaunt am Tisch sitzt. Birte hat noch ihre Schwester Silke mitgebracht, somit sind wir vollzählig. Leider vergrätzt die ein oder andere den Köbes mit exotischen Bestellungen wie Cola oder Weinschorle, aber das lernen die Ladys bis zum nächsten Mal schon noch. Das Essen kommt und alle sind zufrieden, vor allem Jan Wiese hat mit seiner Mörder-Haxe den Hauptgewinn gezogen. Nur Nina hat verwachst. Wieder einmal. Ein trockener Lachs liegt auf ihrem Teller und selbst mit Kölsch schwimmt der Fisch nur widerwillig die Kehle hinunter. Meine Mutter sagt immer: „Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen“. Bei Nina müsste der Spruch eher umgekehrt sein und in etwa so lauten: „Alle Montagsautos zu mir!“ Ob sie noch einen Beschwerdebrief schreiben wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Silke und Silvie versorgen uns noch mit ein bisschen kölschem Insider-Wissen, dann geht es los in die Kölnarena! Denke ich zumindest, doch ich habe die Rechnung ohne den Holzwurm gemacht. Jan hat nämlich das Prinzip der Drehtür in der Malzmühle nicht gecheckt und zieht heftig in die falsche Richtung, als ich mich gerade mitten in der Tür befinde. Zum dritten Mal an diesem Tag bekomme ich also eine Tür vor die Birne…

In der Arena erwartet uns dann ein denkwürdiger Abend. Nachdem wir es nach einer guten Stunde geschafft haben, nun doch alle nebeneinander zu sitzen, genieße ich die kölschen Mitgröhl-Hits in vollen Zügen. Mittlerweile habe ich mich mit Jan Wiese darauf geeinigt, dass die Luft trocken genug ist, um doch ein Pittermännchen zu holen und die Kölschstange, die sich in der Malzmühle in meine Jackentasche verirrt hatte, hat Hochkonjunktur. Flankiert vom Traumschiffkapitän vor uns und den Handball-Bambis vom HSV Troisdorf zur linken ist die Versorgungslage auch von fremder Seite hervorragend. Immer wieder begünstigt durch Unachtsamkeiten unserer Nachbarn werden uns zunächst als Ausgleich, später aus Sympathie Kölsch, Fritt-Kaubonbons, Würstchen und Frickies gereicht. Da kann man schon mal ein Auge zudrücken, obwohl Kathrins Sektflasche über die Wupper geht und Alex eine pralle Bierdusche bekommt. Der kulinarische Höhepunkt des Abends sind jedoch Silvies Pfannkuchen, die eine köstliche Symbiose mit dem Kölsch bilden. Das Line-Up ist ein Traum, der Pegel steigt, die Stimmung ist super. Und Jan Holzkamp qualmen dermaßen die Mauken, dass er sich nach einem kurzen Socken-Intermezzo von einer Catering-Dame eine Schere geben lässt, um seine heiligen Dunlop-Stiefel um 15 cm zu kürzen, damit die Luftzufuhr wieder hergestellt ist.

Bei meinem gefühlt 17. Toilettengang springt mich dann plötzlich der Boden an. Irgendso ein besoffener Idiot hat seine Bierlache offenbar direkt vor meine Füße gekippt. Ich rappele mich schnell wieder auf, den höllischen Schmerz im Knie tapfer weg lächelnd…

Schlenz stapft derweil seiner Begegnung des Abends entgegen. Auf dem Treppenabgang zu den Klos sitzt eine Gestalt mit einem roten Eimer. Bei näherem Blick entgeht unserem scharfsinnigen Römer nicht, dass der Eimer bereits „soooo voll“ mit Erbrochenem ist. Auf Nachfrage erfährt er, dass es sich um den Tröpfchen-Eimer für 2,50 Euro handelt. Allerdings klärt ihn erst Jan Wiese am nächsten Morgen darüber auf, dass der Eimer eigentlich für die Tröpfchen der Kölsch-Fässer gedacht ist und nicht für die des eigenen Magensaftes. Dazu aber später mehr.

Überhaupt sind die Klogeschichten ein Highlight an diesem Abend. Bei meinem dritten Besuch fällt mir ein Typ um den Hals, klopft auf den Stanley Cup-Patch auf meinem Trikot und brüllt mir ins Ohr: „Alter, du bist der Geilste von allen!“ Nach abermaligem Betatschen des Logos legt er nach: „Und nächstes Jahr holen wir den Cup“. Oder ein paar Toilettengänge später, als einer einen tiefen sonoren Furz lässt und ein anderer beeindruckt sagt: „Oh, isch wusste jar nit, dass mer ene Porsche hier han!“ Herrlisch!

Als der Abend zu Ende geht, bin ich einfach nur glücklich. Über die Idee, hierhin zu fahren, über die tollen Plätze, die Jan uns gebucht hat, über meinen Allgemeinzustand und überhaupt. Zusammen mit Kathrin und Alex fahre ich zurück zum Hotel. Somit verpasse ich ein epochales Ereignis, das Rouven über Nacht zum Schutzpatron der kölschen Taxifahrer-Gilde machen wird. Ich schätze, dass es kein anderer Mensch fertig bringen wird, für die 850 m vom Heumarkt zum Motel One exakt 47 (in Worten: SIEBENUNDVIERZIG) Euro auszugeben.

Die Nacht verläuft recht ereignislos. Ich schwanke zwar noch gewaltig, als ich um acht Uhr zur Toilette gehe, aber mein Magen ist ruhig. Ich schlucke eine Tablette für den Kopf und ein Bonbon für den Hamster und schlafe weiter. Als ich zwei Stunden später wieder wach werde, ist der Hamster verschwunden, dafür klebt das Bonbon immer noch in meiner Backentasche und hat meine Geschmacksnerven bis auf weiteres eliminiert. Aber mein Hunger hält sich ohnehin in Grenzen.

Schlenz begrüßt mich am Frühstückstisch mit dem Verweis auf Artikulationsschwierigkeiten meinerseits am Vorabend. Ich habe keine Ahnung, wovon er redet. Aber ich habe auch genug mit meinem Kreislauf zu kämpfen, die paar Meter vom Fahrstuhl zum Frühstückstisch treiben mir schon den Schweiß auf die Stirn. Angesichts der bevorstehenden Bahnfahrt knabbere ich vorsichtshalber nur zwei kleine Croissants und einen Joghurt. Schlenz gibt in beachtlicher Lautstärke die Story vom Tröpfchen-Eimer zum besten, viel mehr nehme ich gar nicht wahr von der Mahlzeit. Erst als Nina sich dazu gesellt und Rouven abermals von dem roten Eimer erzählt, der schon „soooo voll“ war, bin ich themenmäßig wieder auf der Höhe.

Nach dem Check-Out entspannen wir noch einen Augenblick in der Lobby – Zeit genug für Schlenz, um Jan noch zu berichten, dass gestern jemand am Treppenabgang zu den Toiletten mit einem roten Eimerchen – dem sogenannten Tröpfchen-Eimer für 2,50 Euro – saß und sich in den Eimer hinein übergeben habe. Alex verdreht nur genervt die Augen, doch während ich mich in einer Zeitschleife wähne, führt Rouven unbeirrt weiter aus, dass der Eimer bereits „soooo voll“ war…

Die Rückfahrt verläuft weitgehend ruhig. Kathrin und ich sitzen ein Stück abseits, werden aber von den Holzis punktgenau in dem Moment aufgesucht, in dem ich es schaffe einzunickern. Doch Jan unterhält uns wunderbar und ich tausche mich mit Nina darüber aus, dass uns von der unter dem Zugsitz verbauten Heizung der Arsch wegbrennt. Kurz nach Wanne-Eickel tapert Jan zurück in sein Abteil. In seinen zwei Händen jongliert er mehr Süßigkeiten als der Typ mit seinem fahrbaren Bord-Kiosk auf dem gesamten Wagen hat. Nachdem auch der letzte Zug-Umstieg geklappt hat, werden wir schließlich von den Wieses in Lage wieder empfangen und ich bin gerührt, dass Griddi erleichtert darüber ist, dass wir ALLE heile wieder da sind!

Ich danke Jan und Nina von Herzen für die tolle Orga und vor allem, dass wir so etwas wirklich mal durchgezogen haben, und dass es nicht wie so oft bei einem „Wir müssten mal…“ geblieben ist.

Und ich danke Alex, Birte, Jan, Kathrin, Rouven, Silke und Silvie für die tolle Gesellschaft an einem tollen Wochenende! Und so schließe ich mit einem Zitat des Ober-Holzwurms: „I love you all!“

 

Januar 2013

Von Nina

  

Silvesterurlaub 2012/13 in SPO – Not always on, aber alle an Bord, Teil 1

(falls nicht gerade die Frage im Raum stand: „Wo ist denn jetzt der Papa schon wieder?“)

Mit von der Partie waren:

Familie Priß

Tobi – der KKK-Mann (Koordinator der Kommunikation zwischen den 3 Familien;

                                   Klappmesser in der Duschwanne;

                                   auf kaltem Entzug, da kein W-lan im Haus)

Kathrin – Sprachrohr mit Dekotalent

Marlene – Möbelrückerin mit Geheimschublade

Jonas – der Scheißer

 

Famlie Meyer-Bendlage

Nils – der gelassene Obergoscher

Sandra – die Supernanny

Phil – Käpt´n Rotbarts leichte Beute

Oma + Opa Meyer – die Mitgoscher

 

Familie Holzkamp

Jan – der WWW-Mann (Wackelkandidat;

                                       der Einzige mit W-lan im Haus;

                                      Waldorfpädagoge)

Nina – die Kolumnistin

Merle – halbtaubes Unschuldslamm mit Hang zu hohen Tönen

Jaron – der musikalische Aussteiger

                                  

Endlich war es soweit – unser langersehnter Traumurlaub mit Familie Priß und Familie Meyer-Bendlage stand vor der Tür.

Nach einer ernüchternden Wohnungsbesichtigung stand fest, in allen Räumen war es bitterkalt, aber die Kombi-Duschwanne sah interessant aus und bedurfte näherer Untersuchung.

Gleich zu Beginn wurden dann auf Grund eines tiefsitzenden Urlaubstraumas von Jan die Fronten bezüglich Erziehungsstilen und -methoden geklärt. Die ersten Tage schien auch alles problemlos zu laufen: Man durfte „Scheiße“ und in Ausnahmefällen auch „Arsch“ sagen, den Mädels war es gestattet, Chips vor, zu und nach jeder Hauptmahlzeit zu essen (es sei denn die Reserven der großen Jungs wurden knapp) und so lange khT (keine hohen Töne) produziert wurden und sie sich halbwegs ruhig verhielten, gab es keine Diskussionen. Auch der Zwischenfall am 3. Morgen wurde nach kurzer Funkstille am Frühstückstisch schnell verziehen: Nachdem Marlene Jan am Abend zuvor eine herzerweichende Liebeserklärung gemacht hatte, muss es wohl mit ihm durchgegangen sein und sein Kinderanimationsclub war plötzlich durchgehend geöffnet. Mit dem Resultat, dass zwei verwirrte 4-jährige noch vor 6 Uhr im dunklen Flur herumtapsten und ihren Puzzlepartner „Dirk“ suchten.

Gegen Ende des Urlaubs war Tobis Nervenkostüm nicht mehr so großzügig. Zuerst blaffte er mich an, ich möge meinen antiautoritären Erziehungsstil überdenken – nur weil Jaron sich auf seinen bald startenden Musikgarten-Kurs vorbereitete und fröhlich mit Töpfen und Deckeln musizierte. Dann drohte er damit, Merle in den Wandschrank zu sperren, als seine Tochter das 2 m hohe Regal im Wohnzimmer zu Fall brachte. Das Hauptärgernis hierbei war wahrscheinlich, dass Tobi wieder einmal seinen geliebten Klebe-Besen zur Hand nehmen musste, weil beim Möbelrücken eine Designervase der von Ahrentschildtschen Dynastie zu Bruch gegangen war.

Nun ja, wir hoffen dieses Erlebnis hat nun nicht Jans Rolf-Trauma in ein Merle-Tobi-Trauma verwandelt. Außerdem muss man Nachsicht walten lassen, dauerte Tobis Not-always-on-Entzug inzwischen schon mehrere Tage und die Symptome verschlimmerten sich nach einem Rückfall in der Wauzi-Wohnung.

Ansonsten verlief unser Zusammenleben recht harmonisch, frei nach dem Motto: §1 – Jeder macht Seins! Auch die Kommunikation mit Familie Meyer-Bendlage gestaltete sich herrlich unkompliziert, obwohl in beiden Wohnungen eigentlich kein Handyempfang möglich war. Traf man die fünf nicht in ihrer gemütlichen warmen Ferienwohnung, dann doch sicher in ihrem zweiten Wohnzimmer bei Gosch.

Bei den drei Halbstarken ging es leider nicht immer so friedlich zu, aber entweder der Yakari-Titelsong in Endlosschleife oder die geduldige Supernanny Sandra konnte den Zickenkrieg beschwichtigen.

Auch Kathrin setzte all ihre Talente ein, wenn sie nicht gerade mal wieder Jonas´ Scheiße irgendwo rausschrubben musste. So fungierte sie als Sprachrohr zwischen uns und unseren adligen Vermietern. Dank ihrer Berufserfahrung gelang es ihr, trotz täglich wachsender Mängelliste, die Eiseskälte, den defekten Fernseher sowie alle weiteren elektrischen Geräte im Haus und zum guten Schluss auch noch den Wasserschaden freundlich zu reklamieren und als Anregung einen kleinen Brief mit Verbesserungsvorschlägen zu hinterlassen (Liebe Familie von Ahrentschildt wir hoffen auf ihr faires Angebot!).

Eine weitere Nuance ihrer vielseitigen Begabungen zeigte sich am Silvesterabend, als sie mit Partyhütchen, lustigen Servietten und stimmungsvoller Streudeko dem gedeckten Tisch den letzten Schliff gab. Die Mädels fanden es super, was auch okay gewesen wäre, hätten sie die Überreste nur für ihre kreative Bastelstunde genutzt. Leider verfolgten uns die kleinen Sterne, Kleeblätter und Schweinchen noch Tage später überall und fanden sich sogar im Essen und in Jonas‘ und meinen Ausscheidungen wieder. Dank der Streudeko lernten wir dann auch den Ahrentschildtschen Supidupi-Staubsauger kennen (wahrscheinlich gründen Reichtum und Adelstitel auf der Erfindung des Hörgeräts, welches jeder Benutzer und Rauminsasse nach Gebrauch benötigt…), denn diese fiesen kleinen Biester packte nicht einmal mehr Tobis Lieblingsbesen.

Apropos Ausscheidungen… Wie wir übersehen konnten, dass die Wohnung kein zusätzliches Gäste-WC hatte, weiß keiner, dass aber auch das einzige WC nicht abschließbar war, konnte dann niemand mehr ignorieren. Nachdem man also trotz eines liebevoll gebastelten Zettels von Jan bei seinen Sitzungen ständig mit der Invasion zweier junger Damen rechnen musste, wunderte es mich nicht, dass plötzlich die Türklinke kaputt war und somit das Eindringen von außen unmöglich machte. Da Tobi schon vorher seine Hemmungen über Bord warf und „machte“, während Merle und Marlene ein ausgiebiges Vollbad nahmen, verdächtige ich eher Handwerker Jan der Sabotage, da er auch zufällig eine Zange im Gepäck hatte. Nichtsdestotrotz hatte ich mir das Klothema schlimmer vorgestellt – zwei Männer, die einen guten Stoffwechsel haben, zwei Kleinkinder die keinen Bedürfnisaufschub kennen (na gut, Marlene musste einmal in eine Schüssel pillern…). Genau darüber sprachen Kathrin und ich auch am vorletzten Morgen am Frühstückstisch, als Tobi, der bis dahin ungewöhnlich schweigsam war, den Kopf von der BILD-Zeitung hob und fast explodierte: „Wie konnten wir das nur übersehen??? Mir stehen die Schweißperlen auf der Stirn, mir platzt gleich der Arsch!“ (Jan blockierte währenddessen das Bad.)

Ein weiteres Trauma, das Tobi wohl nach diesem Urlaub verarbeiten muss: Seine Einsamkeit am Esstisch. Jan hatte sich entschieden, auf Hauptmahlzeiten komplett zu verzichten und sich stattdessen ausschließlich von Toffifee, Marabu-Schokolade, Chips und Snickers-Eis zu ernähren. Die kleinen Mädels inhalierten ihre 3 Hapse oder nahmen sie laut kreischend auf ihrer Rennstrecke zwischen Wohnzimmer und Küche ein. Blieben nur noch Kathrin und ich, beide recht unsichere Faktoren, da regelmäßig mindestens ein kleiner müder Junge ins Bett gebracht werden wollte oder das Babyfon uns zurückrief. Eine andere Erklärung könnte Tobis anhaltendes Sodbrennen sein. Zwar schaffte Bullrich-Salz schnell Abhilfe, aber die Folge: 1 Tablette = 1 Rülpser machte ihn als Tischnachbarn nicht unbedingt attraktiver.

Zurück zur Duschwanne, die mein persönliches Urlaubshighlight darstellte und mich die immerwährende Kälte in der restlichen Wohnung für kurze Zeit vergessen ließ. Entspannt setzte man sich mit seinem nackten Popo auf den extra dafür vorgesehenen Sitz, nahm die Brause in die Hand und…relax. Tobi und Jan konnten dieses neue Duscherlebnis anfänglich nicht teilen – Tobi versuchte es zunächst mit der Klappmesservariante und Jan verwandelte unser Bad kurzzeitig ins Sealife. Aber auch Männer sind lernfähig. Nur die Sache mit den roten Handtüchern bekamen sie bis zum Schluss nicht in den Griff. Wohl dem, der ein blaues Duschtuch von Zuhause mitbrachte. Einzig den Kindern bereitete es jeden Tag auf´s Neue Freude, aus der Fülle von roten Handtüchern frei wählen zu dürfen. Meistens entschieden sie sich für das vorgewärmte von der Heizung… Auf jeden Fall weiß ich jetzt ein super Geburtstagsgeschenk für Tobi: ein rotes Handtuch mit Namensgravur.

Ja, es war schön mit euch und unserer Freundschaft hat dieser Urlaub keinen Abbruch getan, auch wenn sie bei Tobi und Jan immer mal wieder kurzzeitig auf der Kippe stand. Jan war sich wohl seiner Machtposition, die einzige Person mit Internetzugang im Haus zu sein, zu sicher, dass er sich einige Knaller leistete. Im nächsten Urlaub werden dann die Süßigkeiten brüderlich geteilt und er verhindert euch auch nicht mehr den Männerabend.

 

Januar 2013

Von Tobi

 

Silvesterurlaub 2012/13 in SPO – Not always on, aber alle an Bord, Teil 2

Ermattet falle ich nach einer Woche Silvesterurlaub in mein Bett. Endlich wieder ein richtiges Bett, nicht die 90 cm-Etagenbettmatratze, die ich mir wohl oder übel sieben Tage lang mit Marlene geteilt habe. Sofort sinke ich in einen tiefen Schlaf. So denke ich zumindest, doch die Erlebnisse der vergangenen Woche lassen mich offenbar nicht so einfach zur Tages- oder besser gesagt Nachtordnung übergehen und werden mich in einen wahren Alptraummehrkampf schicken.

Als mein erster Traum beginnt, sehe ich mich zusammengefaltet in einer Badewanne hocken. Die Duschbrause über meinen Kopf schwenkend ärgere ich mich, dass kein Duschvorhang da ist, während aus einem Nebenzimmer das laute Getöse zweier Vierjähriger dringt. Orientierungslos schaue ich mich um und scheine fast den Boden unter den Füßen zu verlieren, als ich erschlagen werde vom Anblick eines Dutzends roter Handtücher, die quer durch den Raum verteilt sind! Zum Glück rettet mich mein toller Einfall, eines dieser Tücher mein eigen zu nennen und in exponierter Lage über die Heizung zu hängen. Geniales Wiedererkennungsmerkmal, denke ich mir, denn alle anderen hängen an gleich aussehenden Handtuchstangen an der Wand! Zufrieden über so viel Cleverness strecke ich mich einmal aus und schlummere zunächst traumlos wieder ein.

Mein zweiter Traum beginnt am selben Ort wie der erste. Diesmal stehe ich vor dem Badezimmerspiegel, Wasser scheint aus ihm herauszulaufen, doch als ich genauer hinsehe, erkenne ich, dass das Wasser ringsum von den Wänden abperlt. Ich fühle mich wie inmitten eines Wasserfalls, als eine leise Musik aus der Ferne erklingt. Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo ich wie durch einen Nebel Jan mit nassen Haaren entdecke, der sich in meinem Traum allerdings Dirk nennt und Merle und Marlene altertümliche Lieder von Matthias Reim vorsingt. Vor sich auf den Fußboden hat er aus Toffifees die Worte „Doppelte Tour“ gelegt. Daneben liegt ein selbstgemaltes Plakat, auf dem er eine allmorgendliche Spielstunde für Kleinkinder anpreist. Spätestens hier merke ich, dass es sich bedauerlicherweise um einen weiteren Traum handeln muss und döse wieder ins Nirvana.

Doch ich darf nicht lange verschnaufen, schon holt die Traumwelt mich wieder ein und schickt mich in eine Lokalität namens „täglich“. Ironie des Traumschicksal offenbar, da der Laden für mich doch eher „nächtlich“ heißen müsste. Neben mir sitzen Phil, Merle und Marlene. Sie streiten um das Essen, dabei steht reichlich auf dem Tisch. Auf meinem Arm befindet sich Jaron, der mir in merkwürdig verdrehter Körperhaltung seinen Windelpöter direkt ins Gesicht hält. Gefangen in meiner Traumwelt und betäubt von einem unbeschreibbaren Gestank, bin ich unfähig zu atmen. Seltsamerweise ist es der erste Traum, in dem ich nicht am frieren bin. Durch die Nebelschwaden, die aus Jarons Hose aufsteigen, sehe ich die feixende Nina, dann falle ich in Ohnmacht und wache im Wohnzimmer unserer Wohnung wieder auf.

Sandra, Nils und Phil sind auch da. Ich sitze auf einem harten Sessel und schaue mir den Raum genauer an. Offenbar um Gehirn-Ressourcen zu sparen, richtet meine Phantasie das Zimmer extrem puristisch ein. Zwei Sofas, die meine Erinnerung Mitte der 80er bei meiner Oma Lisabeth ausgegraben haben muss, die aber damals schon fünfzig Jahre alt waren. Ein Couchtisch, der so klein ist, dass selbst die aufrecht stehende Prinzenrolle kaum Halt darauf findet und ein Fernseher mit 37 cm-Bilddiagonale, der paradoxerweise aber als Flachbild-Variante ausgebildet ist und sogar einen DVD-Player auf der Rückseite beinhaltet, aber kein Bild liefert. Als Krönung dieser traurigen Erscheinung ist er in einer geradezu grotesken Position in der hinterletzten Ecke des Raumes platt vor die Wand gedübelt. Ein eisiger Hauch durchzieht das Zimmer. Plötzlich steht Nina vor mir. Ihr Körper ist so ausgekühlt, dass Kondenstropfen von ihrem Gesicht abperlen, während sie mir euphorisch von den Vorzügen des Duschsitzes berichtet und wie schön sich die Kinder doch immer mit dem Handtuch abtrocken, das auf der Heizung hängt. Ich höre nur noch so etwas wie „Po vorher abgewaschen“ und „MERLE, keine hohen Töne!“, mehr verstehe ich nicht, da der ganze Raum in einem riesigen Kampfgeschrei dreier Vierjähriger explodiert. Ich spüre es genau, ich werde der erste Mensch sein, der sich im Urlaub einen Burnout holt! Doch die Nacht ist gnädig und lässt mich kurzzeitig wieder einschlummern.

Kurz darauf holt mich jedoch schon der nächste Alptraum ein: Mein Urlaubsdomizil verfügt weder über w-lan noch funktioniert mein Whats App. Stattdessen erscheint ein kleines, smart aussehendes Männchen mit Adelstitel und Socken, auf denen 39-42 aufgedruckt ist und erklärt mir, dass man nicht „always on“ sein müsse. Ich blicke ihn prüfend an und stelle fest, dass er es ernst meint. Also schalte ich ihn unwirsch off vor meinem geistigen Auge und beame mich damit ungewollt geradewegs in die nächste surreale Szene: Ich sitze in einer warmen und gemütlichen Ferienwohnung auf einem weichen Sofa. Um mich herum lauter vertraute Gesichter aus dem Urlaub. Jan ist da, Kathrin, Sandra und Nils auch. Auch Nina und die Jungs entdecke ich. Vor mir steht Hermann, Nils Vater, und erkundigt sich nach dem Wohl meines Rasierers, als eine wundersame Melodie erklingt und Phil engelsgleich mit einem Ghettoblaster in der Hand die Treppe herunterschreitet und dabei etwas singt, dass wie „Yakari“ oder so ähnlich klingt. Statt eines Heiligenscheins schweben über seinem Kopf allerdings die vier Buchstaben seines Namens. Wieder und wieder erklingt die Musik. „Yakari, Yakari“, erklingt es wie ein Mantra und kleine Menschen, die ich als unsere eigenen Kinder identifiziere, tanzen dazu, bis sich die Buchstaben über ihrem Anführer plötzlich in Teufelshörner verwandeln und er Hermann einen schweren Tchibo-Türstopper auf den Fuß schleudert! Hermann jault auf, ich wache schreiend auf.

Doch um mich herum ist nichts als wohltuende Dunkelheit und Stille. Mir schwant eine niederschmetternde Gewissheit: Familienurlaube sind zuviel für meine Nerven. Ich trinke einen Schluck Wasser und gebe mich wieder meinen Träumen hin.

Jetzt macht meine Phantasie selbst vor meinem Wauzi nicht mehr Halt: Er berichtet mir am Telefon, dass er am nächsten Tag mit seiner schwangeren Frau, seinen beiden Kindern und den drei weiteren Urlaubsmitreisenden einen Tagestrip nach Sylt plane. Da es ohnehin nur ein Traum ist, erläutert er ungerührt weiter, dass sie mit allen sieben Leuten in einem Auto fahren werden und sein Kumpel Rudi sich zur Krönung auf eine Bierkiste im Kofferraum des Vans setzen werde, da bedauerlicherweise nur sechs Sitze an Bord seien. Verwirrt lege ich auf und blicke auf Jaron, der in seinem Kinderstuhl sitzt und im Sekundentakt von Nina aufgefordert wird, nicht auszusteigen, während sie sich diebisch darüber freut, von Nils eine Zigarette abgestaubt zu haben. Außerdem überreicht sie mir feierlich eine Windel von Merle. Kathrin kommt ins Zimmer, sieht mich aber scheinbar nicht und fragt stattdessen in die Runde, wo denn der Papa schon wieder sei. Wann ist die Nacht denn endlich zu Ende, stöhne ich vor mich hin...

Doch die jagt mich kurz darauf mit dem nächsten Traum: Ich sitze am Esszimmertisch und spiele ein Spiel, das ich zuletzt in meiner frühen Jugend gespielt habe: Café International! Wahnsinn, wo mein Gehirn diese Erinnerngen hervorkramt! Jan sitzt mir gegenüber, aus seinem Mundwinkel hängt eine halbe Tafel Marabu-Schokolade, die offensichtlich neben den Sour-Cream-Pringles keinen Platz mehr gefunden hat in seinem Mund. „An die Bar, an die Baaaaar“ singt er, scheinbar eine Eigenkomposition. Nina betrachtet gierig die Zigarette in ihrer Hand, doch gerade, als sie sich die Fluppe anzünden will, löst sich das Feuerzeug in Luft auf. Mein Traum ebenso und ich wünsche mir nichts weiter, als den Rest der Nacht einfach abzuschalten.

Doch es klappt nicht, zu tief scheinen die Traumata. Schon wieder jagen mich die Dämonen der Nacht. Diesemal bin ich mit meiner Familie am shoppen. Ich bekomme einen wahnsinnigen Schmacht auf Toffifees und bitte Jan per sms, die häuslichen Vorräte an den Karamell-Dingern nicht völlig zu plündern. Als Antwort bekomme ich eine sms in der typischen Holzkamp-Länge: „Sind schon alle“. Zum ersten Mal erscheint mir einer meiner Träume realistisch, doch schon die nächste Szene widerlegt mich in meiner Auffassung. Ich bin wieder zu Hause angekommen und höre Nina sagen: „Das hättest du jetzt aber Tobi noch anbieten können!“, während Jan sich das letzte Toffifee genüsslich in den Mund stopft. So etwas hätte der echte Jan nicht gemacht, nicht bei seinem Kumpel Tobi!

Nina hat ein Feuerzeug in der Hand, sucht diesmal aber verzweifelt nach der Zigarette. Wenigstens mal eine Komponente zum Schmunzeln für mich, denke ich. Doch schon im nächsten Moment erschrecke ich über ein markerschütterndes „Pass auf, dass Jaron nicht aussteigt!“, dicht gefolgt von einem „MERLE, keine hohen Töne!“. Aus dem Hintergrund ertönt „Yakaaaari, Yakaaari...“. Jan verlässt das Haus und ich beschließe, die Toffifee-Geschichte zu vergessen, schließlich liegen im Eisfach noch Snickers-Eis! Aus irgendeinem Grund weiß ich ganz genau, dass noch vier Eisriegel dort liegen müssen, doch als ich ankomme, ist das Fach leer, nur eine selbstgemalte sms schwebt durch die Luft:

„Ich hatte dieses Ich-werde-wahnsinnig-in-der-Bude-Gefühl und musste Abhilfe schaffen. Sorry! Dirk“

Laut fluchend will ich mir über das Internet bei Gosch eine LKW-Ladung Toffifee-Eis bestellen, doch da taucht wieder das Männchen auf Socken vor mir auf und erinnert mich daran, dass ich in dieser Nacht always off sei und bietet mir stattdessen Tourenräder und Badezimmertürklinken zum Preis von 5 Euro pro Tag an.

Ich ächze genervt, als ich danach erneut aufwache. Der Radiowecker zeigt 5:55 Uhr und ich denke, dass 6:66 Uhr passender wäre. Ich beschließe, nun einfach wach zu bleiben, um mir weitere abgefahrene Schlafphantasien zu ersparen. Doch ein letztes Mal übermannt mich die Müdigkeit, ein letzter Traum bricht sich Bahn. Ich tigere ungeduldig vor der Toilettentür auf und ab, die seit Stunden verschlossen ist, in meinem Bauch pressiert es. Die Türklinke fehlt, hätte ich doch nur zuvor bei dem Männchen eine gekauft! Nina steht in der Hintertür, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen das Feuerzeug, bereit dazu, endlich den erleichternden Zug zu nehmen. Doch plötzlich stimmt Merle hohe Töne an, während Jaron aus seinem Kinderstuhl aussteigt und gleichzeitig schweben Zigarette und Feuerzeug in einer Wolke davon. Ich lache laut auf, doch das Lachen bleibt mir im Halse stecken, als Nina rachsüchtig Merles Windel zurückfordert, die in meinem bereits gepackten Auto ganz unten liegt. Laut schreiend renne ich aus dem Haus und laufe Nils fast um, der gerade in einer gelben Badehose vom goschen kommt.

Kurz darauf werde ich von einem feuchten Schmatzer von Marlene aus dem Schlaf geholt. Ich drücke sie an mich und komme zu dem Schluss, dass ich nicht so viel in Urlaub fahren sollte...

 

 

Juli 2012

Von Tobi

 

Ein Leben als Privatier – oder mit einem Wort: Elternzeit

 

Seit Jahren beneide ich unser ehemaliges Torwartidol vom 1. FC Köln, Bodo Illgner. Während andere Weltmeister von 1990 auch die hinterletzte Fußballmacht des Planeten trainieren, um irgendwie im Geschäft zu bleiben, ist Super-Bodo seit seinem Karriereende Privatier.

 

Privatier! Was für ein Wort, was für ein Leben! Jeden Tag Urlaub, keinen Finger mehr krumm machen, schlicht: Das Leben genießen!

 

„Privatier 2.0“ mache ich seit einigen Wochen: Elternzeit! Zwei Monate nicht arbeiten, was für Aussichten waren das zu Beginn! Neun Wochen lang ausschlafen, Sonne tanken, das Leben genießen. Die Seele baumeln lassen, wie Jan sagen würde. Und das alles noch über die gesamte EM! Männerherz, was willst du mehr?

 

Doch die Realität sieht diffiziler aus. Der Tag beginnt bereits um 7 Uhr, als Kind Nummer eins ins Schlafzimmer geschlurft kommt, um es sich kurz danach auf meinem Bauch bequem zu machen. Widerwillig erwachend kommt die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit: Das späte Ins-Bett-gehen – man hat ja schließlich „Urlaub“ – und die mehrfach unterbrochene Nacht wegen Kind 1 UND Kind 2 kommen in mein Gedächtnis, während der letzte Ouzo vom Vorabend noch zart durch meinen Kopf kreist.

 

Ich versuche noch eine halbe Stunde lang trotz Zusatzgewicht auf dem Bauch die Augen erneut zu schließen, klappt aber nicht. Schließlich stehe ich mit der körperlichen Konstitution auf, mit der normale Menschen abends ermattet ins Bett gehen. Wenigstens verkündet Marlene, dass sie sich selbst anzieht, was es mir ermöglicht, nach dem eigenen Duschen und Ankleiden direkt zum Broteschmieren für den Kindergarten in die Küche zu gehen. Eine Sisyphos-Arbeit, denn sie wiederholt sich jeden Morgen mit dem Ergebnis, dass nachmittags noch nahezu die gleiche Anzahl an Leckereien in der Hennes-Butterbrotsdose liegt wie vor dem morgendlichen Aufbruch.

 

Nach der Fahrt in den Kindergarten und anschließendem Frühstück ist es mittlerweile 9:30 Uhr. Zeit, um aus meinem täglichen Aufgaben-Repertoire auszuwählen: Rasenmähen, Einkaufen, Keller aufräumen, Staub saugen, Gerümpel zur Deponie fahren. Zeitung lesen und im Liegestuhl liegen stehen leider nicht zur Auswahl, dabei habe ich sogar das Vier-Wochen-EM-Abo der Süddeutschen in Anspruch genommen. Ich muss mich jedoch beeilen, dass ich meine Tagesaufgabe bis zur Kindergartenabholzeit erledigt habe. Was ein Stress! Ich beneide Nils, der sich bei Bobe gerade die Zeit mit SMS-schreiben und „Ports of Call“-spielen (Reality-Modus) vertreibt.

 

Im Anschluss ist Marlene-Zeit. Ein Nachmittag-füllendes Programm will ausgearbeitet sein, das in der Lage ist, der Kronprinzessin Puderzucker in den Arsch zu blasen, um ihr auch weiterhin das Gefühl zu geben, die Nummer eins in unserem Haushalt zu sein. Jonas hat derweil dem Thema Schlaf eine untergeordnete Priorität zugewiesen und balanciert immer öfter auf meinen Nerven rum. Steigern sich beide Kinder gleichzeitig zu einem Schrei-Crescendo, ist der Gipfel der Elternzeit-Ekstase erreicht. Familienministerin Schröder sollte sich mal Gedanken dazu machen, das Betreuungsgeld durch eine Zwangshospitation für bewusst kinderlos lebende Erwachsene in Familien mit Kleinkindern zu ersetzen. Ich bin mir sicher, die Hospitanten wären zu nennenswerten Spenden in den Staatssäckel bereit.

 

Das mit dem schönen Wetter hat sich so ganz nebenbei auch erledigt. Von sieben Wochen hat es gefühlte acht geregnet, eine ernüchternde Bilanz. Winterjacke statt Shorts, Regen- statt Sonnenschirm, selbst die Himbeeren setzen schon Schimmel an bei all der Feuchtigkeit. Wie gut, dass mein Wauzi das bereits nach der zwanzigsten merkt, bevor wir ihm mitten beim Halbfinale noch den Magen auspumpen müssen.

 

Zumindest ist mittlerweile der EM-Vorrunden-Terminstress weg, der eine ausgeklügelte Logistik verlangte. Lagen doch zwischen Abpfiff des 18 Uhr-Spiels und Anpfiff der 20:45 Uhr-Partie gerade mal rund 50 Minuten, in denen beide Kinder bettfertig gemacht sein mussten. Zwischen Wickelkommode, Badewanne und Toilette kommt selbst der erfahrenste Fußballfan ins Rotieren, können geringe Einschlafstörungen des Nachwuchses doch zum medialen Super-GAU führen.

 

Nach Ende der Abend-Partie geben einem schließlich die Öffentlich-Rechtlichen noch vor, ob man sich in Waldis grenzdebilen EM-Club in die deutsche Fußballhauptstadt Leipzig entführen lässt oder sich noch anschaut, wie Kathrin Müller-Hohenstein erste Gehversuche mit dem Internet, diesem verrückten neuen Zeug macht! Unerklärlicherweise schaffe ich es nicht, den Aus-Knopf am Fernseher zu betätigen. Dabei sind die Ränder unter meinen Augen noch tiefer als die vom versoffenen Campino, der bei Waldi Caipi mit Strohhalm trinkt. Ich ergebe mich mit einem letzten Ouzo in mein Schicksal und halte wie jeden Tag bis zum Ende durch, bevor ich ermattet in mein Bett krieche. Eine unruhige Nacht vor Augen, sinniere ich noch kurz über mein Leben als Privatier.

 

 

Mein letzter Gedanke, bevor der Schlaf mich holt, ist: Bodo Illgner, ich ziehe den Hut vor dir!

 

 

Dezember 2011

Von Nina (!)

 

Es war einmal...

Die Sommerpause zieht sich...

Woran das liegt? Verletzungen, Vereinswechsel, Abwerbungen aus dem Ausland? Nein, ein ganz harmloser, aber triftiger Grund steckt dahinter: NESTBAUTRIEB!

Da seit Anfang des Jahres ein scheinbar hochansteckender „Virus“ namens Schwangerschaft bei den Spielerfrauen die Runde machte, befanden sich viele Tippkicker plötzlich in der Lage, wohnliche Veränderungen vorzunehmen.

So haben es Raschi, Eke und Schlenz (die beiden letzteren auch ohne sich ankündigenden Spielernachwuchs, um hier keine Gerüchte aufkommen zu lassen...) inzwischen geschafft: Die Renovierungsarbeiten sind weitestgehend abgeschlossen und der Umzug ins neue Heim konnte noch vor dem Weihnachtsfest stattfinden.

Nur bei einem fleißigen Handwerker stellen sich immer wieder auf´s Neue schier unüberwindbare Hindernisse ein, die die Einweihung als Zweitbasis im gemütlichen Partykeller weiter verzögern. Waren es zunächst die Tapeten, die überall im Haus nur in Fitzeln abgezogen werden konnten und immer wieder neue Schichten offenbarten, bestand die große Herausforderung der letzten Wochen im Einbau der elektronischen Rolladenmotoren. Da es mir für eine detaillierte Problemanalyse ehrlich gesagt an technischem Verständnis mangelt, an dieser Stelle nur ein kleiner oberflächlicher Abriss, dafür aber mit bildlicher Unterstützung (Skizze von Herrn Priß persönlich angefertigt): 

 

  • man braucht Schlitze für den Einbau (hmm, am besten also bevor der Maler im Wohnzimmer den Putz aufträgt...)
  • im Internet stand nichts davon, dass man Trennrelais braucht, damit die Rolläden getrennt hochgehen bzw. gleichzeitig oben ankommen (Hä???)
  • aber das größte Problem überhaupt: die zwar nur millimeterstarke aber viel zu dicke Dämmung!

Dass Tobi (und ich) jetzt wieder ruhig schlafen können, verdanken wir Allrounder Wauzi. Entschlossen verkürzte er die Dämmung (siehe Skizze) und brachte das leidige Thema doch noch zu einem würdigen Abschluss.

Was sich jetzt vielleicht wie eine lustige Anekdote eines ganz normalen Umbaus anhört, täuscht! An dieser Stelle hat sich nämlich wieder einmal gezeigt, wie sehr traumatische Erlebnisse aus der Kindheit prägen.

Hatte sich Tobi doch bei unserem Düsseldorf-Trip gerade erst mit einem tiefsitzenden Unterhosen-Erlebnis auseinandersetzen müssen, das er nur allmählich und dank meines unermüdlichen therapeutischen Einsatzes in den Griff bekommt, werden bei den Renovierungsarbeiten immer wieder auf´s Neue schmerzliche, systematisch verdrängte Kindheitserinnerungen freigeschaufelt. Wie oft stand er wohl deprimiert inmitten seines Chaos und sinnierte: „Ich kann doch nichts für meine handwerklichen Unzulänglichkeiten – schon mein Vater kam mit zwei linken Händen auf die Welt... Mir hat es schließlich nie einer beigebracht!“ Nur die Aussicht auf seinen Feierabend-Ouzo oder noch besser den selbstgebrannten Apfelschnaps seiner Kollegin können ihn da noch aus seinen trüben Gedanken retten. Umso größer ist natürlich die Enttäuschung, als Tobi zuhause feststellen muss, dass Kathrin gerade diesen sehnlichst erwarteten Trunk aufgrund seines mostigen Aussehens und Geruches als verdorben weggeschüttet hatte... Zu Kathrins Verteidigung sei hier aufgeführt, dass der edle Tropfen in einer stinknormalen Apfelsaftflasche ohne extra Beschriftung abgefüllt war, was jawohl gerade in einem Haushalt, in dem auch kleine Kinder leben, extrem gefährlich ist!

Um an dieser Stelle auch gleich die Ehre von Tobis Papa zu retten, gebe ich allen Lesern den Rat, niemals freiwillig mit Tobi (und/oder seiner Schwester) ein Wissensspiel wie z.B. „BeZZerwiZZer“ zu spielen. Die beiden Priß-Sprösslinge ängstigen einen mit richtigen Antworten, wie beispielsweise nach dem Namen eines allgemein völlig unbekannten Fernsehkommissars, der in den späten 70ern agierte (und nein, hier ist nicht Derrick gemeint). Schaut man sie immer wieder auf´s Neue perplex und erschüttert über das eigene Unwissen an, bekommt man die scheinbar alles erklärende Antwort: „Wir haben denselben Vater!“

Was ich aber eigentlich mit der ganzen Geschichte über Tobis Kindheitstraumata sagen will: Ihr lieben Tippkicker, trefft euch doch wieder regelmäßig. Es ging euch doch nie ausschließlich um den „Spocht“, das Herzblut waren doch die Gespräche am Rande (von denen ich leider nach dem Umzug aus unserem Flur auf die Garage nur noch wenig aus 1. Hand mitbekam)... Wie ihr seht, gibt es jede Menge Gesprächsbedarf – und so ein Wort unter Freunden ist doch zum einen zwangloser als in einer Selbsthilfegruppe und zum anderen kostengünstiger als ein Psychotherapeut.

Dass außerdem nicht nur Tobi mal wieder die Seele baumeln lassen müsste, sondern auch Schlenz des öfteren vergisst, dass er sich gerade nicht in der geschützten Atmosphäre seiner Tippkick-Kameraden befindet, wurde mir beim Weihnachtsessen im Brinkmannschen Haus auf´s Peinlichste bewusst. Lautstark versuchte er Jan von der Wirkung seiner neuen Q10-Antifalten-Creme zu überzeugen, die auch schon an seinen „Klöten“ (O-Ton Schlenz) Wunder vollbracht hätte. Hallo!?

Auch bei weiteren schwerwiegenden Loriot-ähnlichen Schlenz-Problemen, wie z.B. „Wo ist der ideale Platz für unseren Weihnachtsbaum – vielleicht vor dem Fernseher?“, wären gutgemeinte Ratschläge seiner alten Teamkollegen sicherlich hilfreich gewesen, um den Festtags-Frieden mit Alex nicht zu gefährden.

Ein weiterer Grund, der dafür spricht, den Club wieder aufleben zu lassen, sind die „leichten“ Gewichtszunahmen einiger „mitschwangeren“ Männer... Zwar weigere ich mich vehement, dieses Spiel, was meines Erachtens lediglich aus unkontrollierten Zeigefinger-Zuckungen besteht, als ernstzunehmende Sportart anzuerkennen, dennoch bin ich immer wieder überrascht, wie viel kalter Männerschweiß bei den oftmals hitzigen Duellen fließt. Um tatsächlich einen Kalorienabbau zu erreichen, wäre es jedoch hilfreich, auf Mixgetränke (die seltsamerweise nur im gefüllten Zustand den Weg aus dem Garagenkühlschrank in die Tippkick-Arena zu finden scheinen, niemals aber im geleerten Zustand den Rückweg in die Getränkekiste...) und Süßigkeiten zu verzichten bzw. den Konsum einzuschränken. Desweiteren sollten die sogenannten „Laktat-Tests“ von nun an wieder eher die Ausnahme als die Regel sein, auch um eine gewisse Disziplin im Trainingsablauf zu festigen.

Ein dritter und vierter Grund für ein Revival der Filzfreunde betrifft vorrangig erstmal mich, aber warum nicht mal an sich selber denken!? So musste es während der Saison donnerstags immer schnell gehen, damit Jan zwischen Feierabend und Trainingsbeginn noch etwas zwischen die Kiemen bekam und ich konnte ihn daher immer guten Gewissens mit „Fast Food“ wie Kroketten, Dipper oder Aufbackpizza abspeisen (solange ausreichend Majo und Remo im Hause vorrätig war). Inzwischen sieht die Sache nun anders aus. Er stellt nun auch donnerstags Ansprüche und verlangt vollwertige ausgewogene Kost :).

Bald beginnt außerdem wieder die neue Topmodel-Staffel und da der Mensch nun mal ein Gewohnheitstier ist, können Merle und ich uns Heide Klum ohne Bennes „Klingelingeling!“, Schlenz´ „Tor in Bochum!“ (zwar eher seltener) oder „Klarlack ist nicht gleich Klarlack!“ im Hintergrund gar nicht mehr vorstellen.

Ich denke, ich habe jetzt mein Bestes gegeben, um euch Jungs zu motivieren und alle Ressourcen zu reaktivieren, getreu dem Motto: „Alles für den Dackel – ähem – alles für den eckigen Ball, alles für den Club!“

 

Das bedeutet im einzelnen:

  • Benne: Du hast jetzt 2 Monate Elternzeit – Arbeit oder keine Zeit E-Mails abzurufen gilt nicht als Ausrede!
  • Raschi: Dein Anfahrtsweg hat sich auf 50 m Luftlinie verkürzt, also Hintern hoch!
  • Eke: Du hast in den letzten Monaten so viel an eurem Haus gearbeitet, dass dir ein „sportlicher“ Ausgleich bestimmt gut tun würde. Und sei es nur, um den anderen als Angstgegner die Tabellenplätze zu versauen.
  • Nils: Es wird höchste Zeit, dass dein Geburtstagsgeschenk eingeweiht wird.
  • Schlenz: Falls du das Essen bei Mutti zu sehr vermisst, lässt Tobi bestimmt seine Qualitäten als Versorgungswart aufleben und versöhnt dich mit Schnittchen oder Mettbrötchen. Sollte dir außerdem nach einem Gespräch unter Frauen sein bzgl. Körperpflege, Deko etc. stehe ich dir gerne in den Spielpausen zur Verfügung.
  • Tobi: Dir ist an dieser Stelle nichts vorzuwerfen, hast du doch selbst immer wieder durch Terminvorschläge und Qualitätsanalysen (Versorgungswart) versucht, den Verein am Leben zu erhalten und trotz Renovierungsstress Prioritäten gesetzt. Ich persönlich finde es zwar schade, dass wir dich nicht zu einem Wechsel bzw. einer Neugründung eines „Siedler“-Clubs bewegen konnten, aber wie gesagt, dein Einsatz wie beispielsweise das legendäre „Flutlicht-Tuning“ ehrt dich.
  • Jan: Gib nicht auf und trommel deine Truppe wieder zusammen, denn deine Wochenend-Konzert-Trips sind auf Dauer zu teuer, um die Seele baumeln zu lassen und ansonsten ist hier bald nur noch AWO.

 

Nun bleibt abzuwarten, was das neue Jahr den Filzfreunden bringen mag. Werden aus den fleißigen Nestbauern Nestflüchter sobald der krähende Nachwuchs Einzug erhält? Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob und wie es mit den 7 Zwergen weitergeht.

 

November 2011

Von Tobi

 

Krise bei den Filzfreunden – seit Monaten schon findet kein Training mehr statt und auch den Laktat-Test im Kreta-Grill in vor zwei Wochen schwänzte die Hälfte der Truppe. Grund genug für Jan und mich, die aktuelle Lage bei einem Wochenend-Kurztrip zu erörtern. Dabei sind die gewählten Rahmenbedingungen alles andere als optimal – Musical in Düsseldorf ist als Rahmenprogramm ausgewählt. Für einen kulturell eher unterbelichteten Köln-Fan keine leichte Aufgabe. „Kein Pardon“ lautet der Titel und mir schwant, dass das gleichzeitig das Motto des Wochenendes sein könnte. Immerhin war Kinderfreiheit gegeben, nur den Spielerfrauen hatten wir genehmigt mitzufahren, das garantierte zumindest den ein oder anderen Lacher. Zum abendlichen Besuch des Musicals hatte sich zudem noch eine gewisse Silvia angekündigt, offensichtlich die Freundin von Jans Bruder Bernd, die mit ihm in Düsseldorf lebt, wie ich mir zusammenreimen kann.

 

Die Hinfahrt nehmen wir zu dritt in Angriff, Nina ist schon mit Merle in Moers. Ich frohlocke, weil ich endlich mal Zeit zu lesen habe auf der Fahrt. Geißbock-Echo, 11Freunde-Sonderheft und die Wochenendausgabe der Süddeutschen liegen bereit, als wir in Hörste in den legendären Stegelmann-Golf steigen, das Montags-Auto schlechthin. Von den Portokosten ihrer Beschwerdebriefe an den Autokonzern hätte Nina der Familie längst ein neues Modell kaufen können. Ich denke, sie ist sich dessen auch bewusst, denn seit einiger Zeit muss ich die Briefe direkt vor Ort einschmeißen, das ist billiger. Von der Fahrt kriege ich versunken in meine Lektüre nur wenig mit, Jan hadert jedoch immer wieder mit den Auflösungserscheinungen der Filzfreunde. Als wir Nina in Moers eingeladen haben und weiterfahren in die verbotene Stadt, kann ich mir nicht verkneifen, sie darüber in Kenntnis zu setzen, das ich in der vergangenen Woche ein Zertifikat von VW bekommen habe, das  die Ernennung zum „Stammkunden“ beinhaltet. Von meinem Platz auf dem Beifahrersitz aus spüre ich, wie Nina hinter mir gelb wird vor Neid.

 

Nachdem wir das Auto in der Tiefgarage unseres Hostels abgestellt haben, machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Kein leichtes Unterfangen, denn die öffentliche Verkehrsanbindung lässt trotz des Unterkunftszusatzes „Am Bahnhof“ zu Wünschen übrig. Ich erinnere mich, dass ich auch in Hamburg schonmal mit meinem Wauzi in einem A&O-Hostel mit dem Zusatz „Am Bahnhof“ übernachtet habe. Scheinbar weist dieser Zusatz jedoch lediglich darauf hin, dass sich in der jeweiligen Stadt ein Bahnhof befindet, nicht dass er sich tatsächlich in der Nähe befindet. Nach einigem Suchen finden wir aber doch einen Bus, der uns mitnimmt.

 

Jan hat mir schon vor der Reise Fotos vom Essen eines Nobel-Currywurst-Ladens zugeschickt, den wir nun aufsuchen. „Weltklasse, die Wurst da“, verspricht Jan.  Doch die Euphorie über das Essen wird bereits nach kurzer Zeit wieder durch die kritische Lage bei den Filzfreunden getrübt, als Jan die Bombe platzen lässt: „Ich werde den Club auflösen“, haucht er resigniert zwischen zwei Bissen Currywurst. Gerade als ich ihm widersprechen will, kommt ein Jogger in königsblauer Sporthose an unseren Tisch – Jans Bruder Bernd, wie sich herausstellen wird. Sofort hellt sich die Laune des Teamchefs auf und als Bernd mit ihm zu sinnieren beginnt, dass die Mayo immer in einem getrennten Schälchen zu den Pommes serviert werden muss und die Pommes nicht den Ketchup der Currywurst berühren dürfen, ist die Welt vorerst wieder in Ordnung. 

 

Anschließend geht es zu Fuß am Rhein entlang in die Innenstadt. Jan wird wieder von den tristen Gedanken um seinen TippKick-Verein eingeholt. „Früher“, sagt er, „früher haben wir jede Woche gespielt!“ Nina kann das Gejammer nicht mehr hören. In den letzten Tagen hat sie sich deswegen in ihren Ohren schon dicke Schmalzpropfen wachsen lassen, die zumindest nicht mehr jedes Wort durchlassen.

 

In der Stadt besuchen wir auf ihren Wunsch ein Babygeschäft. Am Eingang begrüßt ein südländischer Typ im Anzug jeden Kunden persönlich und ich überlege ernsthaft, ob das früher bei Finke in Detmold auch Usus war, wenn meine Mutter mit mir Klamotten kaufen ging. Gerade verneine ich innerlich, als mein Blick auf einen Schneeanzug in Größe 98 fällt. 349 Euro soll das Ding kosten. Ich frage mich, ob eine Tagesbetreuung integriert ist bei dem Preis, als mein Blick auf einem Werbeschild hängen bleibt: Petit Bateau. In einem Moment geistiger Umnachtung offenbare ich Nina eine meiner dunkelsten Kindheitserinnerungen, was mir ihren Spott für das Restwochenende garantiert. Nein, ich werde hier nicht näher darauf eingehen!

 

Wir shoppen noch ein bisschen, bevor es nach einem kleinen Gewaltmarsch zum Hostel zurück geht. An der Rezeption des A&O versuchen anschließend zwei Mitarbeiter umständlich, uns den Weg mit Bus und Bahn zum Capitol-Theater zu erklären. Als das Wort „Taxi“ fällt, mischt Jan sich ein: „Alles klar, brauchst nicht weiterzureden“,  sagt er zu dem jungen Mann. „Wir machen das mit dem Taxi!“

 

Nach einer Stunde auf dem Zimmer stehen wir alle frisch gestriegelt auf dem Flur. Auch Silvia ist inzwischen eingetroffen. Ich nehme irritiert zur Kenntnis, dass sie im wahren Leben nicht die bessere Hälfte von Bernd ist, sondern eine alte Schulfreundin von Nina. Das macht aber gar nichts, denn Silvia kommt aus Köln, hört Brings, ist supernett und hat vor allem ein Auto dabei, das uns an diesem Abend jeden weiteren Fortbewegungsstress erspart – ihr hingegen nicht, wie sich später herausstellen soll.

 

Als sich sie Türen des Musical-Saals öffnen, verteilt Nina die Eintrittskarten. Ich habe mittlerweile mitgekriegt, dass es sich um eine Vor-Premiere handelt. Beim Blick auf das Ticket fällt mir jedoch die Kinnlade runter: 53,60 €! Das wäre Haupttribüne Mitte im RheinEnergieStadion, denke ich zerknirscht. Stattdessen erwarten uns Plätze am hinteren Ende des Saals. Immerhin überstehe ich die Veranstaltung mit dem ebenso kleinen wie breiten Dirk Bach ohne weitere Schäden und muss mir insgeheim eingestehen, dass es eigentlich eine lustige Veranstaltung ist. Offiziell nöle ich natürlich ein wenig, dass ich lieber zum Fußball gefahren wäre, während Kathrin glücklich ist, das „lustische Glückshääässche“ gesehen zu haben.

 

Nach dem Musical  geht es noch ab in die Altstadt. Der neue Tag bricht schon an, als sich Silvias Navigon endlich einen passenden Satteliten gesucht hat. Ich habe selbst ein Navigon, daher kenne ich das - visuelle Darstellung Weltklasse, Sattellitensuche nichtmal Kreisklasse. Die Parkplatzsuche gestaltet sich kaum leichter, vor allem weil Jan und Nina nicht wirklich motiviert sind, noch unnötige Meter zu machen. Als wir schließlich nahezu im Uerige zum stehen kommen, strahlt Jan endlich mal wieder: „Weltklasse!“, gibt es das fällige Lob für die mittlerweile leicht entnervte Silvia. Ninas Sticheleien bezüglich Petit Bateau höre ich schon gar nicht mehr.

 

Auf geht’s zur Kneipensuche. Gar nicht so einfach, noch einen Laden zu finden, der auch nach Mitternacht noch Essen serviert. Zum Glück finden wir aber noch eine Lokalität. Ich gehe als Letzter rein, da kommen mir die anderen jedoch schon wieder entgegen. Außer einem „Hölle!“ aus Jans Mund verstehe ich nichts, so laut ist es in dem Laden. Vermutlich steht der Koch nur noch in der Küche, weil er vor lauter Bässen die Feierabend-Sirene nicht gehört hat.

 

Bei einem Spanier gegenüber gewährt man uns zum Glück noch Asyl. Die Karte ist vielversprechend, Jan bestellt jedoch als einziger nur eine Schmalspur-Mahlzeit: Pommes. Mit einem Extra-Schälchen Mayo. „Das Essen ist Jan zu ausländisch hier“, raunt Nina. Aha, denke ich, gut dass unsere Vereinskneipe der KRETA-Grill ist… Ein letztes Mal wird die Krise der Filzfreunde für diesen Tag thematisiert. Offensichtlich hat die Hochstimmung des Musical-Genusses und der erfolgreichen Parkplatzsuche unserem Teamchef neue Energie für „seinen“ Verein gegeben. Nach dem Motto „Alles für den Dackel, alles für den Club“ will Jan noch einmal den Hut in den Ring werfen und an die Aktiven des Vereins appellieren, den Bock noch einmal umschmeißen. Ich bestelle euphorisch noch ein Kölsch. Den anschließenden Rauswurf des Kellners nehme ich sportlich, schließlich sind die Filzfreunde gerettet!

 

 

 

Juli 2011

Von Tobi

 

A Night at the Holzkamp-Arena

Jeden Trainings-Donnerstag bietet sich mir als Tipp-Kick-Rookie das gleiche Bild im Stadion der Filzfreunde: Voller Vorfreude und Tatendrang fahre ich auf einen der Spielerparkplätze in der ersten Reihe vor der Arena. Es sind keine „Reserviert“-Schilder vorhanden wie für die Bundesliga-Stars, aber ich habe trotzdem meinen Stammparkplatz, vor der Garage links.

Maskottchen Merle öffnet die Tür, während Nina, Raschi und Jan in der Küche sitzen. Jan muss nur noch gerade seine Kroketten essen, dazu noch irgendwas Fleischiges (mit ordentlich Remmo), Merle kriegt noch schnell ein bisschen Nudelsalat zu ihren Kroketten auf den Teller geklatscht und Raschi reibt sich den Mezzo-Mix-gefüllten Bauch. Nina hat schon gegessen. Ich probiere kurz, ob das Essen wirklich so gut schmeckt, wie es aussieht. Mittlerweile weiß ich auch, wo das Besteck liegt und bediene mich selbst.

Als nächster kommt Schlenz, der sich schweren Herzens gegen das Essen bei Mama und für die dummen Sprüche der anderen im weiteren Verlauf des Abends entschieden hat. Eke ist auf Montage in Russland. Und Benne? Hat seine Mails nicht abgerufen, ist aber nach telefonischer Erinnerung durch Trainer Holzkamp unterwegs. Während meine Körpertemperatur minütlich steigt und ich es gar nicht abwarten kann, das erste Match anzustoßen, sind die anderen die Ruhe selbst.

„Soll ich euch schonmal nen Alster holen?“, fragt Jan schmatzend. „Bin gleich fertig mit essen, nur das eine Baguette noch!“ Schlenz und Raschi drehen derweil noch eine Runde durch den frisch angelegten Garten.

Als es 20 Minuten später endlich losgeht, ist mein Adrenalinspiegel so hoch, dass ich gleich das erste Spiel übermotiviert vergeige. Jan kann wie immer seine Schadenfreude nicht verbergen und freut sich diebisch über meine aufkeimende Hektik. Von der anderen Platte schallt es derweil: „Tor in Bochum!“, während Raschi meint, der Ball sei nicht mehr eckig genug.

Leicht angeschwitzt überlasse ich Benne mein Tor und mache erstmal Pause. Zumindest bin ich am besten gekleidet in meinem Gaißmaier-Trikot, auch wenn sich bereits der erste Hitzestau anbahnt unter dem Polyester. Die Uhr streikt kurzzeitig und ich entdecke, dass die vor drei Spieltagen zerborstene V-Plus-Lemon-Flasche immer noch unbewegt an der Wand gegenüber von Berni Klodt liegt. Überlege kurz, ob Jan es für Kunst hält oder er mal wieder keine Lust hatte, den Staubsauger kreuz und quer durch die Villa zu tragen. Die zweite Runde ist durch, Benne und Raschi gewinnen, Schlenz und Jan nicht. Alles beim Alten also.

Während ich darauf warte, gegen Rouven die Scharte aus dem ersten Spiel auszuwetzen, machen erstmal ALLE ausgiebig Pause. Die quälend lange Auszeit führt dazu, dass ich kalt geworden bin und selbst gegen den Zweitligisten aus Bochum verliere. Quälend langsam stürzt mich Schlenz mit einigen Bogenlampen in Zeitlupe ins Verderben, "Rense" macht dabei keine gute Figur.

Zumindest das Alster schmeckt, auch wenn ein Ouzo jetzt besser täte. Gegen den Frust der Niederlagen helfen zudem die M&Ms, die irgendjemand mitgebracht hat. Zwei weitere Niederlagen folgen und ich rede mir ein, dass ich zumindest Eke geschlagen hätte an diesem Abend. Ich habe Eke noch nie geschlagen, aber heute wäre es so weit gewesen, da bin ich mir sicher. Benne rechnet noch schnell die Tabelle aus, die Jan noch an diesem Abend per Mail verschicken wird, falls er vor Schlenz steht. Ich nehme mir vor, das Ganze in den Spam-Ordner zu verschieben.

Es wird noch ein wenig gequatscht, was Malte in Hamburg so treibt, wann Gunnar und Birte endlich heiraten und Benne lässt so nebenbei noch fallen, dass er wieder Vater wird. Alles in Butter also.

Schlenz, Benne und Raschi brechen als erste auf, ich gehe noch kurz durchs Wohnzimmer. Nina und Merle gucken Top Models, ist ja auch erst kurz nach Zehn. Haben sie sich aber auch verdient: Merle hatte nur einen kurzen Wutanfall am gesamten Tag und Nina hat wieder einmal einen Beschwerdebrief vollendet, den ich später bei den Stegelmännern einwerfen werde. Morgen muss sie noch dem Postboten die Schuhe aufpumpen, weil er das Telefonbuch in Ninas Blumen verbuddelt hat.

Leicht frustriert verlasse ich als Letzter die Holzkamp-Arena, in jeder Hinsicht. Aber ich weiß es genau: Nächstes Mal werde ich gewinnen!

 

Nachtrag vom 24 August: Ich habe Eke geschlagen, 5:3!


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